Gabriela Köhli aus Bern
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt mit Schwerpunkt Sachbuch
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Fernlehrgang: Schreibwerkstatt mit Schwerpunkt Sachbuch
2. Platz im Schreibdebüt-Wettbewerb 2026 - Wüstenwanderung
Gabriela Köhli erzählt in ihrem Text die berührende Geschichte von Sabine, die an Schlaflosigkeit leidet und die Nächte nutzt um aufzuräumen. Erst der Fund alter Fotos tritt Erinnerungen in ihr los, an ihren Ex-Partner, an den unschönen Urlaub mit ihm, an seine Ignoranz. Doch den Erinnerungen folgen auch neue Erkenntnisse. Ein warmes Gefühl durchströmte sie. Sie war hellwach und klar im Kopf. Die Schlaflosigkeit der letzten Wochen hatte ihr etwas mitteilen wollen...
Stück für Stück entblättert die Autorin die Schutzschicht, die Sabine um sich gelegt hat und lässt uns mit ihrer einfühlsamen Sprache am buchstäblichen „Erwachen“ Sabines teilhaben.
Sabine brauchte den Blick auf die Uhr ihres Mobiltelefons nicht, es war reine Gewohnheit, die sie nach dem Gerät greifen ließ. Oder um sich zu versichern, dass auf ihr Gefühl Verlass war. Zumindest auf das Zeitgefühl. Acht nach drei, recht gehabt.... Kurzgeschichte lesen
Sabine brauchte den Blick auf die Uhr ihres Mobiltelefons nicht, es war reine Gewohnheit, die sie nach dem Gerät greifen ließ. Oder um sich zu versichern, dass auf ihr Gefühl Verlass war. Zumindest auf das Zeitgefühl. Acht nach drei, recht gehabt. Seit rund drei Wochen wachte sie Nacht für Nacht gegen drei Uhr auf. Am Anfang hatte sie sich ärgerlich von einer Seite auf die andere gewälzt, während sie auf weiteren Schlaf wartete. Seit ein paar Nächten konterte sie die Schlaflosigkeit nun mit Produktivität. Die Küchenschränke waren geputzt und sie hatte sich allerhand Ballasts entledigt. Rund fünfzehn Tupperdosen in allen Größen hatte sie entsorgt. Selbst nach der Aufräumaktion blieben noch genügend davon übrig, um ihren Singlehaushalt nicht aus Mangel an Aufbewahrungsgefäßen ins Chaos zu stürzen.
Sabine stand auf und schlüpfte in ihre Trainerhose. Kurz dachte sie daran, dass sie die Hose auch im Bett tragen könnte, dann würde sie sich diesen Schritt sparen. Erfüllte sich die Erwartung des Erwachens um drei Uhr in der Früh mittlerweile als self-fulfilling prophecy? „Darüber solltest du mal nachdenken, meine Liebe“, flüsterte sie sich im Dunkeln zu, während sie Richtung Wohnzimmer tapste und das Licht einschaltete. Für diese Nacht hatte sie sich die Kommode vorgenommen. Drei Schubladen, die sie schon lange nicht mehr geöffnet hatte, waren das Ziel dieser Aktion, einen Abfallsack hatte sie bereits zurechtgelegt.
Mit der ersten Schublade ging es zügig voran. Beinahe euphorisch riss Sabine den angehäuften Kleinkram heraus, der wohl in Millionen anderen Haushalten auch in vollgestopften Schränken und Schubladen lag und füllte den Abfallsack. Bei der zweiten Schublade kam ihr Elan ins Stocken. Sie hatte eine Kartonkiste geöffnet und schaute auf lose Fotografien. Alle aus der Zeit, in welcher sie Fotos noch entwickelt und an ihren Kühlschrank geheftet hatte. Sie setzte sich aufs Sofa und blätterte durch die Erinnerungen.
Ihr fiel eine Fotografie in die Hände, die sie von Peter während eines gemeinsamen Urlaubs in Marokko geschossen hatte. Er, ausgerüstet mit Funktionskleidung, die seinen im Fitnesscenter gestählten Körper gekonnt in Szene setzte, hatte die siebentägige Wüstenwanderung als sportliche Challenge gesehen. Bei ihr hatten die Weite und die unbarmherzige Landschaft, die keinen Fehler verzieh, nebst Faszination auch ein Unbehagen erzeugt. Als sie ihm davon erzählte, was die Wüste bei ihr auslöste, hatte Peter für diese Gefühle nur Verachtung übriggehabt.
„Was für ein Unsinn ... zum Start unseres Trekkings sind wir kaum dreißig Kilometer gefahren, das hätten wir auch zu Fuß gehen können ... dass wir mitten im Nirgendwo stehen, ist bloß das Geschwätz der Reiseagentur ... alles völlig übertrieben. Nicht mal die Dünen sind so hoch, wie ich das erwartet habe ... statt hier herumzulungern wäre ich besser eine Woche lang ins Fitnessstudio gegangen ... diesen Trainingsrückstand werde ich zuhause wieder aufholen müssen ...“
So oder ähnlich waren seine Tiraden verlaufen. Dass er kein Französisch sprach, hatte er ihr angelastet statt seiner Ignoranz gegenüber Fremdsprachen. Immer wenn sie mit den Guides ein Gespräch angefangen hatte, hatte er sich mit finsterer Miene dazwischengedrängt. Das hatte sie verstummen lassen.
Die Nacht war ihre Beschützerin gewesen, all die Sterne hatten nur für sie geleuchtet. Während des Tages hatte sie die Minuten gezählt, bis die Dunkelheit wieder kam, um sie zu verschlingen und somit für Peters Sticheleien unsichtbar zu machen.
Kurz nach dieser Reise hatte ihre Beziehung geendet. Er würde eine Partnerin brauchen, die seine Interessen teile, das war sein Argument gewesen. Sie hatte geschwiegen. Weil es nichts zu sagen gab. Weil sie über das Ende froh war. Weil sie seine Anwesenheit nicht durch ein Gespräch verlängern wollte.
Jetzt, fast zwanzig Jahre danach, stand sie mitten in der Nacht mit diesem Foto in der Hand auf dem Balkon und schaute in den durch Lichtverschmutzung reduzierten Sternenhimmel. Sie erinnerte sich daran, wie sie in der Wüste in ihrem Schlafsack gelegen hatte und vom Anblick der funkelnden Pracht überwältigt war. Ein warmes Gefühl durchströmte sie. Sie war hellwach und klar im Kopf. Die Schlaflosigkeit der letzten Wochen hatte ihr etwas mitteilen wollen, plötzlich wusste sie, was es war. Sie wusste genau, was zu tun war. Sie zerriss das Foto, ging zum Schreibtisch und startete den Laptop. Schnell fand sie das passende Angebot und buchte eine Wüstenwanderung. Dieses Mal würde sie in ihre ganze Gefühlspalette eintauchen und sie voll auskosten. Sie würde ihren eigenen Maßstab anlegen und sich von niemandem sagen lassen, was richtig oder falsch war. Sie würde sprechen mit wem sie wollte. Sie würde sich die Geschichten der Einheimischen anhören und mit ihnen am Feuer sitzen. Sie würde in den Sternenhimmel blicken und unter dem Funkeln herrlich schlafen.
Und sie würde auch die Tage genießen können.
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