Lars Grünau aus Bordesholm
Fernlehrgang: Romanwerkstatt für Science-Fiction und Fantasy
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Fernlehrgang: Romanwerkstatt für Science-Fiction und Fantasy
3. Platz im Schreibdebüt-Wettbewerb 2026 - Die dunkle Gefährtin
In der Geschichte um einen einsamen Dichter nimmt Lars Grünau uns mit in eine Welt, in der das Reisen noch mit vielen Gefahren verbunden war. Als er dann auf eine einsame Reiterin trifft, meldet sich sein Beschützerinstinkt, der ihm jedoch zum Verhängnis wird. Da sah ich ein fahles Pferd, und der, der auf ihm saß, heißt Tod.
Es ist dieses Bibelzitat, das der Handlung die schattigen Bilder der Dark Fantasy verleiht und den Dichter in eine andere Welt führt, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.
Lars Grünau hat Atmosphäre und Ton des Settings gut getroffen und die Bilder erzeugt, die wir mit diesem Genre verbinden.
Die Abendsonne küsste schon die Baumwipfel am Horizont und legte lange Schatten auf den Weg, als Rainard die Reiterin vor sich erblickte. Im ersten Moment glaubte er, seine müden Augen würden ihm einen Streich spielen, denn wie sie dort ganz in... Kurzgeschichte lesen
Die Abendsonne küsste schon die Baumwipfel am Horizont und legte lange Schatten auf den Weg, als Rainard die Reiterin vor sich erblickte. Im ersten Moment glaubte er, seine müden Augen würden ihm einen Streich spielen, denn wie sie dort ganz in Schwarz gekleidet auf ihrem fahlen Schimmel ritt, wirkte sie wie eine Erscheinung oder ein dunkles Omen.
Doch dann hörte er das gleichmäßige Traben der Hufe und sah, wie sie sich mit bleicher Miene zwischen den Bäumen umsah. Da wirkte sie gar nicht mehr so gespenstisch, sondern allein und verletzlich.
Unwillkürlich fragte er sich, was sie so ganz ohne Gefolge auf der Straße nach Worms trieb. Der Weg war gefährlicher denn je. Niemand reiste gern allein. Was mochte ihre Geschichte sein? Als Dichter interessierte ihn das schon von Berufs wegen. War sie vielleicht auf der Flucht?
Noch zögerte er, zu ihr aufzuschließen. Er wollte ihr nicht den Eindruck vermitteln, dass von ihm Gefahr ausginge.
Auf einmal wandte sie sich ihm zu, musterte ihn. Sie war sich seiner Anwesenheit also bewusst und fragte sich vermutlich, was sie von ihm zu halten hatte. Nun wurde ihm das Abstandhalten unangenehm. Er kam sich vor wie ihr Schatten und hatte das Gefühl, ihr damit Unbehagen zu bereiten. Da war es doch besser, das Gespräch zu suchen!
Rainard beschleunigte seine Schritte und zeigte mit offenen Händen, dass er nichts Böses im Sinn hatte. Fast erwartete er, dass sie ihrem Schimmel trotzdem die Sporen geben würde. Doch sie hielt ihren ruhigen Trab und ließ ihn herankommen.
„Ich grüße Euch“, sprach er sie an. „Verzeiht meine Aufdringlichkeit, aber ich wollte mich erkundigen, ob Ihr nicht etwas Gesellschaft der Einsamkeit auf der Straße vorziehen würdet.“
Sie wandte ihm das Gesicht zu und er war erschrocken darüber, wie bleich ihre Haut war. Kein Wort kam über ihre blutleeren Lippen und ihre Miene blieb völlig unbewegt. Aber sie nickte knapp.
„Ausgezeichnet! Das freut mich. Mein Name ist Rainard. Ich bin fahrender Dichter …“
Einen Augenblick wartete er darauf, dass sie sich ihrerseits vorstellte, doch es kam keine Antwort. Vielleicht hatte sie eine Art Schweigegelübde abgelegt? Ihre Kleider erinnerten ihn etwas an ein Nonnenhabit.
„Es wird bald dunkel sein“, bemerkte er. „Wisst Ihr, ob man hier in der Nähe irgendwo einkehren kann?“
Er erntete nur einen Seitenblick. Diese kalten Augen beunruhigten ihn mehr als alles andere. Auch hatte sie noch kein einziges Mal gezwinkert.
Sie erschien ihm mit einem Mal gar nicht mehr menschlich, sondern kühl und unwirklich. Wenn er den Arm ausstreckte, würde er sie dann berühren können?
Da sah ich ein fahles Pferd, und der, der auf ihm saß, heißt Tod.
Für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte er, ein leises Lächeln über ihre Züge gleiten zu sehen, als er an diesen Vers aus der Heiligen Schrift dachte. Hatte er sich die wimmelnden Maden unter ihrer Haut gerade nur eingebildet?
Der Erdboden unter ihm fühlte sich auf einmal ganz wackelig an. Vielleicht war es das beste, wenn er seine Reise hier abbrach und umkehrte.
„Rainard von Erlenbach, elender Verleumder!“
Die dröhnende Stimme kam von einer Anhöhe am Wegesrand. Rainard erblickte einen Reiter, voll gerüstet und mit einer spitzen Lanze im Anschlag.
„Du hast zum letzten Mal meine Ehre in den Dreck gezogen, du Hund!“
In den Augen des Reiters glänzte die Mordlust.
„Herr Philipp von Wertlingen“, brachte Rainard hervor. Seine Kehle war trocken wie ein Grab. Hatte sich dieser Kerl etwa nur seinetwegen hier auf die Lauer gelegt?
„Mein Herr, was ich über Euch und Eure Geliebte gesagt habe, das waren doch nur Späße, Hofhumor. Ich möchte mich für jegliche Kränkung entschuldigen, die ich Euch zugefügt haben könnte ...“
Es war absurd, dachte Rainard und sah sich nach der bleichen Reiterin um. Sollte es so für ihn enden? Am Lanzenschaft dieses Gecken? Nein, das würde er nicht hinnehmen! Suchend steckte er die Hand in die Tasche seines Umhangs.
„Sieh mich gefälligst an, Schuft! Sieh dem Tod ins Auge!“ Als Philipp von Wertlingen die Lanze auf ihn anlegte, riss Rainard einen Talisman aus Bussartfedern aus seiner Tasche und streckte ihn dem Anstürmenden entgegen, während er eine Fluchformel zischte.
Der Zauber hatte nur das Reittier erschrecken sollen, doch seine Wirkung entpuppte sich als weit stärker. Denn das wiehernde und scheuende Pferd schleuderte seinen Reiter in hohem Bogen aus dem Sattel, sodass dieser mit einem Schrei kopfüber zu Boden stürzte. Der Aufprall war hart und wurde von einem grässlichen Knacken begleitet.
Sprachlos starrte Rainard auf Philipps reglosen Leib.
Er verharrte noch so, als sich der fahle Schimmel seiner Reisegefährtin an ihm vorbei drängte. Die Reiterin beugte sich hinab und legte dem Gestürzten eine Hand auf die Brust. Ein letztes Mal wandte sie Rainard ihr bleiches Antlitz zu und schenkte ihm einen langen Blick.
Er verstand. Sie würden sich wiedersehen.
Alexander Kail aus Erlangen
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