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2. Platz:

Patrick Kühnel

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Die Nachtseite meines Vaters

Genre-Wettbewerb 2020 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Patrick Kühnel hat eine geheimnisvolle Erinnerung in Worte gefasst, auch hier wieder in der klassischen Art der amerikanischen Kurzgeschichte: Die äußeren Ereignisse lassen tiefere Vorgänge ahnen, ohne sie zu interpretieren und damit dem Leser das Ergebnis vorverdaut mitzuliefern. Der Erzähler erinnert sich an seinen Vater, der einen guten Job mit Geld und Ansehen aufgab, um als Nachtportier ein unauffälliges Dasein zu führen. Eines nachts weckt er seinen kleinen Sohn, um ihn mitzunehmen zu einem Abenteuer der Nacht. Und er zeigt seinem Sohn seine „Nachtseite“, die Seite seines Wesens, dir ihn dazu trieb, sich der umtriebigen Karrierewelt zu entziehen.
Die Geschichte ist so ruhig und klar erzählt, wie ein Nachthimmel voller Sterne. Und die Pointe lässt den Leser mit einer Frage zurück, über die er lange nachdenken wird.


Die Nachtseite meines Vaters

Ich habe meinen Vater als einen klugen und sehr nachdenklichen Mann in Erinnerung. Es hieß, vor meiner Geburt habe er einmal an der Universität gearbeitet und war als Forscher in seinem Fach sogar recht bekannt gewesen. Dann kündigte er von einem Tag auf den anderen und nahm eine Stelle als Nachtportier in einer kleinen Pension an. Über seine Beweggründe sprach er mit niemandem, wer ihn danach fragte, erntete meist unwilliges Schweigen, manchmal auch knappe Antworten, die jedoch genauso unwirsch wie rätselhaft waren: „Wie kann ich das wissen?“, oder: „Fragen Sie mich was Einfacheres!“ So abgespeist zu werden, irritierte viele und so hörten seine Freunde bald zu fragen auf und vermieden schließlich ganz, mit ihm über private Dinge zu sprechen. Unmerklich entfernte er sich so von seinem Bekanntenkreis: in kaum wahrnehmbarer Langsamkeit, als triebe er allein aufs Meer hinaus, auf einer Eisscholle, die sich sachte vom Schelf gelöst hatte.

Wenn ich als Kind zu Hause seine Nähe suchte, so fand ich ihn oft allein an seinem Schreibtisch oder im Garten sitzen, wo er traurig und versonnen in unbestimmte Ferne sah. Früher stellte ich mir so den Blick des lieben Gottes vor, wenn er dem Treiben seiner unvernünftigen Geschöpfe in mitfühlender Erwartung ihres unvermeidlichen Schicksals zusah.

In den Nächten, in denen mein Vater keinen Dienst hatte, geschah jedoch etwas Geheimnisvolles, auf das ich mir lange keinen Reim machen konnte. Wenn ich in meinem Zimmer im ersten Stock spätabends im Bett lag und die Augen schon kurz vorm Zufallen waren, wurde ich oft durch das gedämpfte Klirren seines Schlüsselbundes in seiner Lodenjacke noch einmal aufgeschreckt. Dann hörte ich, wie er seinen Janker vom Haken nahm und kurz darauf klapperte es leise in der Eingangsdiele, wenn er sich die Schuhe anzog. Dann wurde es einen Augenblick still und kurz darauf fiel die Haustür ins Schloss. Auch meine Mutter war um diese Zeit schon zu Bett gegangen und mein Vater vermutete wohl, dass ich genauso wie sie schon eingeschlafen sei. Tatsächlich jedoch nahm ich mir an manchem solcher Abende vor, solange wachzubleiben, bis er zurückkommen würde. Letztlich siegte jedoch immer die Müdigkeit. So vergingen Jahre und meine Neugier über seine späten Ausflüge wuchs zwar mit dem Alter, nachzufragen traute ich mich jedoch nie, wohl aus Scheu davor, an einem Tabu zu rühren. Auch mit meiner Mutter mochte ich nicht darüber sprechen, irgendein Instinkt sagte mir, dass es sich dabei um eine Erwachsenenangelegenheit handelte, die mich nichts anging.

Eines Abends jedoch sollte sich das Rätsel lösen, ohne dass ich meine Neugier offen hätte kundtun müssen.

Ich war wohl elf oder zwölf Jahre alt, als es eines späten Herbstabends an meiner Zimmertür klopfte. Es bin mir sicher, dass es ein Freitag war, denn ich fühlte mich – wie oft an Freitagen – vom Schulsport und dem Fußballtraining am Nachmittag so erschöpft, dass ich mit schweren Gliedern ins Bett gesunken war und keinerlei Lust verspürte, mich vor dem nächsten Vormittag noch einmal zu rühren. Als dann kurz darauf die Tür sich öffnete und mein Vater behutsam ins Zimmer schlich, um flüsternd zu fragen, ob ich schon schlafe, brachte ich daher zunächst nichts mehr hervor als ein unwillig geröcheltes „Ja“, mit dem ich den Wunsch signalisieren wollte, ins Reich der Träume entlassen zu werden. Doch er überhörte meine Müdigkeit und trat näher ans Kopfende meines Bettes. Schließlich sagte er, immer noch flüsternd, aber mit einem ernsthaften Unterton: „Zieh dich an, ich möchte dir etwas zeigen.“ Siedend heiß fielen mir die rätselhaften nächtlichen Ausflüge ein, schlagartig war ich wach. „Was denn?“ fragte ich, während ich mich mühsam aus dem Bett aufrichtete.

„Nur mit der Ruhe. Ich warte unten auf dich.“ Er wandte sich um und verließ das Zimmer.

Eilig schälte ich mich aus der Decke, klaubte die Kleidung vom Boden, zog sie rasch über und lief eilig, aber behutsam, um Mama nicht zu wecken, hinunter ins Erdgeschoss, wo mein Vater schon in seiner Joppe auf mich wartete. Auch ich nahm meinen Anorak vom Kleiderständer und wortlos verließen wir das Haus.

Mild duftende Abendluft empfing uns, das welkende Laub der Nussbäume im Vorgarten raschelte leise im Wind und der Nachthimmel stand klar und mondlos über unserer friedlich schlafenden Vorstadtsiedlung. Mein Vater wies auf den vor der Tür geparkten Wagen und bedeutete mir wortlos einzusteigen. Auch im Wagen sprach er kein einziges Wort, nur leise Klaviermusik untermalte unsere nächtliche Fahrt. Obwohl mir unzählige Fragen durch den Kopf gingen, wagte ich nicht, das Schweigen zu brechen, denn ich fürchtete, den Zauber dieser gemeinsamen Stunde zu zerstören. Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt in Richtung Berge bog der Wagen in einem Seitental auf einen abgelegenen Feldweg ein und rumpelte noch einige Minuten auf einen Waldrand zu, bevor mein Vater auskuppelte, den Wagen ausrollen ließ, die Scheinwerfer löschte und schließlich den Motor abstellte. Einige Sekunden verharrten wir schweigend in vollkommener Dunkelheit. Dann hörte ich, wie mein Vater sacht die Tür öffnete und den Wagen verließ. Ich tat es ihm gleich und die Einstiegsbeleuchtung erlosch. Absolute Finsternis umfing uns und ich hatte Mühe, mich zu orientieren. Am Wagen tastete ich mich entlang in Richtung des leisen Atemgeräusches meines Vaters. Als ich ihn erreicht hatte, griff er meinen Arm, hob ihn nach oben und flüsterte: „Schau.“

Auf dem tiefschwarzen Firmament funkelten Abertausende winzige Lichter wie Diamantsplitter auf einem schwarzen Samtkissen. Ein Schauer lief mir über den Rücken, mit offenem Mund ließ ich meinen Blick über das unendlich scheinende Sternenmeer schweifen, minutenlang war ich gelähmt vor stummer Ehrfurcht.

Schließlich lenkte mein Vater erneut meine Hand und deute auf eine Gruppe von Sternen, die direkt über der bewaldeten Bergkuppe vor uns aufragte. „Das ist das Sternbild Perseus“, flüsterte er und hielt kurz inne, während er die Umrisse mit meiner Hand nachzeichnete. „Der hellste Stern – der da oben“, er dirigierte meine Hand noch ein Stück weiter hinauf, „der heißt Mirfak. Über fünfhundert Lichtjahre von uns entfernt.“

Ich schwieg und versuchte mir vorzustellen, wie weit das wohl sein mochte … zwar kannte ich den Begriff „Lichtjahr“, mir diese Entfernung bildhaft auszumalen, das lag jedoch jenseits meiner Fähigkeiten, wie sehr ich meine Gedanken auch anstrengte. Plötzlich wehte mich eine Ahnung an wie aus einem Abgrund meiner kindlichen Vorstellungswelt: Was war erst mit all den anderen Sternen, die vielleicht noch viel weiter entfernt lagen - hunderte, tausende, millionen Male weiter entfernt? Mir schwindelte.

„Hm…“ begann mein Vater, als hätte er meine Gedanken erraten, „Ein furchtbares Gefühl, nicht wahr? “ Noch bevor mir klar wurde, dass er damit genau meinen Gefühlszustand in Worte gefasst hatte, setzte er leise hinzu: „Damit zu leben, das bringen nur wenige fertig.“

In diesem Moment glühten zwei Sternschuppen kurz hintereinander über unseren Köpfen auf, zogen eine flüchtige Bahn und versanken hinter dem schweigenden Schwarz des Bergwaldes.

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