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4. Platz:

Natalie Pfeiffer

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Das nächtliche Geschenk

Genre-Wettbewerb 2020 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Natalie Pfeiffer spielt in ihrer Geschichte mit Schein und Sein. Ihre zentrale und fast einzige Figur, „Tom“, macht einen nächtlichen Spaziergang zum Fluss. Wunderbare Beschreibungen ersetzen hier Action, immer wieder mit kleinen Handlungen verbunden, so dass sie nie zu lang werden. Die Beschreibungen dienen keinem Selbstzweck. In dem Moment, in dem man als Leser ahnt, wer oder was „Tom“ ist, versteht man auch, wie geschickt sie eingesetzt werden, um die speziellen Empfindungen der Hauptfigur zu zeigen.
Ganz kurz wird es dramatisch, jedoch begreift man, dass auch dies, eine lebensbedrohende Situation, zum Alltag der Figur gehört. Gekonnt spielt die Autorin mit Begriffen, um die Identität ihrer Figur so lange wie möglich zu verhüllen. Erst am Ende wird sie aufgedeckt. Eine ganz ruhige Geschichte aus einer beinahe heilen Welt. Ja, und auch die gibt es noch, zum Glück!


Das nächtliche Geschenk

Kalte Luft legt sich in Nebeltröpfchen über das Wasser, die Dämmerung hat eingesetzt. Tom war eine Weile unterwegs, um die Umgebung zu kontrollieren, wie er es täglich zu tun pflegt. Um den Tag ausklingen zu lassen, setzt er sich an das Flussufer, an dem sich einige Enten zu einer Gruppe gesammelt haben. Von ihm aufgeschreckt, ziehen sie ihre Köpfe unter den Flügeln hervor und gleiten leichtfüßig über das Wasser, bis an die gegenüber liegende Uferböschung.
Die Bäume auf der anderen Seite des Flusses sind kahl und schwarz. Sie verästeln sich und werden eins mit dem dunkler werdenden Himmel. Feuchtigkeit zieht vom Boden auf und eine klirrende Kälte kriecht Toms Nacken herauf, wie ein lästiger Parasit. Als das Knurren in seinem Magen zu einem unangenehmen Dauergefühl wird, geht er den Weg hinauf zu dem alten Fachwerkhaus.
Er tritt ins Warme hinein. Die Holzbalken haben sich mit Wärme vollgesogen und strahlen sie ab, wie der knisternde Kamin, der die Möbel in einen goldgelben Farbton hüllt. Draußen ist es jetzt so dunkel, dass die Fensterscheiben das Innere der Wohnung spiegeln.
Von der oberen Etage ertönen leise Stimmen. Sie sitzt sicher vorm Fernseher, hat die Füße hochgelegt und trinkt ein oder mehrere Gläser von dem roten Wein. Manchmal sitzt sie dort stundenlang, um dann so laut aufzulachen, dass Tom erschrickt, wenn er neben ihr auf dem Sofa eingeschlafen ist.
Aus der Küche duftet es köstlich, so dass es ihn geradewegs hineinzieht. Er bekommt leuchtende Augen, als er den gefüllten Teller erblickt, der offensichtlich für ihn dort platziert wurde. Paula sorgt hervorragend für ihn. Jeden Abend, wenn er unterwegs ist, bereitet sie ihm das Essen und verlangt nicht die geringste Gegenleistung dafür.
Als er in der Küche fertig ist, sind die Stimmen aus dem oberen Stockwerk verklungen. Es ist leise im Haus.
Tom schleicht die Treppe hinauf, bis ins Schlafzimmer und legt sich zu Paula ins Bett. Sie streicht ihm liebevoll über seinen Rücken. „Da bist du ja endlich“, flüstert sie, bevor ihr Atem tief wird und sie in einem Traum versinkt. Für einen Moment beobachtet er ihr Gesicht und die Bewegung unter ihren Augenlidern. Dann gleitet auch er in einen geruhsamen Schlaf.
Als er aufschreckt, ist es nach Mitternacht. Ein Geräusch von draußen hat ihn aus dem Schlaf gerissen. Er springt vom Bett auf und rennt die Treppe herunter, durch die Tür ins Freie. Eine Weile steht er still und lauscht. Er ist sich sicher etwas gehört zu haben. Kalte Luft strömt in seine Lungen, beim Ausatmen bildet sich Dampf, und der Frost nagt an seinen Ohren. Der volle Mond wirkt von Wolkenfetzen wie zerschnitten. Absolute Stille.
Tom läuft am Beet vorbei, zum Rande des Gartens und bleibt vor dem Holzzaun stehen. Von dort hat er einen guten Blick über die Wiese und den Flusspfad, der von schwachen Laternen beleuchtet wird. Er springt über den Zaun und geht durch das hohe Gras, bis zu der Bank neben der alten Eiche.
Eine hauchdünne Schicht aus Eis hat sich auf dem Wasser gebildet. Er setzt sich nieder und wartet. Wie immer. Kontrollieren, warten und beobachten. Das kann er gut, und zu dieser späten Stunde passiert oft mehr als man denken mag.
Als plötzlich Schritte auf dem Weg zu hören sind und das verräterische Klimpern, das er nur zu gut kennt, blickt er sich um. Obwohl er es geahnt hat, fährt der Schreck in ihn.
Es ist der Nachbar mit seinem Hund. Er konnte ihn noch nie leiden, was unerfreulicher Weise auf Gegenseitigkeit beruht. Es ist immer dasselbe mit dem Biest, er ist ungezogen und zudem nie an der Leine. Für einen Moment erstarrt Tom zu einer Salzsäule und hofft, dass er im Schatten der Eiche nicht gesehen wird, doch es ist zu spät. Der Hund hat ihn bereits gewittert.
Zeit zum Überlegen bleibt ihm nicht. Er rast los, der Schäferhund hinter ihm her. So schnell er kann, rennt er die Senkung herunter, dass er sich fast überschlägt.
Der Koloss ist ganz dicht hinter ihm. Er fletscht mit schnalzenden Lauten die Zähne, während der Nachbar nichts Weiteres tut, als nach ihm zu pfeifen.
Am Ufer angekommen, schlägt Tom einen Haken und rast weiter. Der unwendige Körper des Hundes kommt so schnell nicht mit, sein Hinterteil bricht aus und rutscht durch die nasse Wiese, fast bis in das kalte Wasser. Im Hintergrund erschallen nun die hektischen Rufe seines Herrchens - auch das ist immer dasselbe, es bring ja eh nichts.
Der knurrende Köter hat sich wieder gefangen und setzt erneut zum Sprint an, doch der Vorsprung ist bereits so groß geworden, dass Tom aus dem Lichtkegel der Laternen entfliehen kann. Er findet Zuflucht im Gebüsch. Halme und Zweige klatschen in sein Gesicht, streifen an ihm vorbei, bis er langsamer wird und keuchend zum Stehen kommt. Sein Herz pumpt brennendes Blut durch seine Lunge. In der Ferne vernimmt er leises Schnüffeln und das klimpernde Halsband. Endlich hat der Hund die Spur verloren.
Tom lässt sich niedersinken, bis sein Puls sich beruhigt hat. Er schließt die Augen und schläft fast ein, als er durch ein helles Fiepsen geweckt wird. Wie erstarrt verharrt er in seiner Position. In den Gräsern vor ihm raschelt es.
Es dauert eine Weile, bis er es, ein paar Meter vor sich, sehen kann. Graue Schatten huschen über den Boden. Sie nehmen ihn nicht war, während sie hektisch, nach herunter gefallenen Samenhülsen suchen. Er sitzt still und starrt wie gelähmt auf die Mäuse. Er richtet sich langsam auf, senkt den Blick, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Dann hebt er ein Bein und wartet auf den richtigen Moment.
Als sich eine der Mäuse nähert, springt er auf sie und es ist um sie geschehen. Im Nacken gepackt baumelt ihr schlaffer Schwanz leblos herunter. Jetzt muss es schnell gehen. Er trabt zurück, durch die toten Pflanzenstiele, bis auf die Wiese, auf der er sich noch einmal nach dem Hund und seinem Herren umsieht. Dann läuft er rasch weiter, den Hügel hinauf bis auf den Weg zum Gartenzaun. Dieses Mal eilt er unter den Brettern durch, rennt am Beet vorbei und drückt sich durch die Klappe, in das wohlig warme Haus.
Stolz schreitet er die Treppenstufen hinauf, bis vor Paulas Schlafzimmertür, wo er die kleine, graue Maus niederlegt. Sie hat ein spitzes, rosanes Näschen und einen langen, nackten Schwanz, der sich wie ein Rahmen um ihren Körper legt. Man könnte fast denken, dass sie nur schläft, wäre dort nicht der rote Tropfen am Nacken. Hier, vor der Schlafzimmertür, ist ein guter Platz. Wenn Paula am Morgen wach wird, kann sie nicht anders als ihr Geschenk zu finden und sie wird sich wahnsinnig freuen.

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