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4. Platz:

Anathea Westen

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Nachthunde

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2019 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ein Mann ist nachts unterwegs und dringt in ein Haus ein. Er hat eine Aufgabe zu erfüllen. Er wird die alte Dame und ihren altersschwachen Terrier erlösen, wie er schon so viele erlöst hat. Doch diesmal wird er bei seiner Tat gestört ...

Anathea Westen lässt uns eine beängstigende Szene erleben. In treffenden Worten und Bildern beschreibt sie einen Mann, der völlig überzeugt davon ist, das Richtige zu tun. Die Autorin lässt uns in seine Gedanken schlüpfen, wir lernen seine Motive kennen und freuen uns am Ende mit dem alten Hund, dass der Tod den Richtigen getroffen hat. Spannend von der ersten bis zur letzten Zeile.


Nachthunde

Der alte Jack hatte in den Jahren, die er mit seinem Frauchen verbracht hatte, viel erlebt. Nun waren die Augen trüb und das Gehör schwach geworden, doch seine Spürnase und vor allem der sechste Sinn funktionierten nach wie vor einwandfrei. Er fühlte die Bedrohung, wusste jedoch, dass er selbst nichts dagegen ausrichten konnte.

Geschmeidig wie eine Katze überwand der nächtliche Besucher das Gartentor, das bei jeder noch so kleinen Bewegung grauenvoll knarzte. Man nannte ihn „Schatten“, wobei Polizei und Versicherungen dabei mit den Zähnen knirschten, weil sie ihm einfach nicht auf die Spur kamen. Kollegen aus Verbrecherkreisen hingegen bewunderten den „Unsichtbaren“, und es gab viele jugendliche Straftäter, die davon träumten, eines Tages in seine Fußstapfen zu treten. Doch die meisten verstanden nicht, dass Geduld ein wichtiges Werkzeug für den Erfolg war. Es konnte Wochen, manchmal Monate dauern, bis alle Details ausgespäht und in den Plan einbezogen waren. Das leise Knarren einer Tür zur falschen Zeit brachte die beste Strategie im Handumdrehen zum Einsturz, was er sich besonders bei den Spezialfällen nicht leisten konnte. Von eben diesen Fällen wusste niemand, denn auch seine Bewunderer würden nicht begreifen, dass er seiner Bestimmung folgte. Ihre Verehrung würde in Abscheu umschlagen. Nur er selbst verstand die Notwendigkeit. Er sog den Geruch der Nacht ein, spürte einen ersten Hauch feuchter Kühle. Kein Zweifel: der Herbst kam, um das überreife Leben des Sommers zu ernten. Und er hatte Ähnliches vor.

Vorsichtig umrundete er das uralte Haus, wobei er die knirschenden Kieswege und die verwilderten Beete mit den knisternden, vertrockneten Blütenständen mied. An diesem Ort schien alles nur noch halb lebendig, bereit dafür, vom Tod gepflückt zu werden. Sein Blick streifte das verwitterte Gewächshaus, die Schaukel, die vom Nachtwind an ihren rostigen Ketten gewiegt wurde sowie die schiefen Rankgitter, an denen sich die letzten Rosen des Sommers festklammerten. Er schloss die Augen, atmete tief durch und ließ den Ort auf sich wirken. Ja, hier war er richtig, das konnte er mit jeder Faser spüren. Etwas in seinem Inneren hatte ihn hierhergeführt. Er öffnete die Augen und setzte den Weg fort. Nach monatelanger Beobachtung wusste er genau, wie er mühelos eindringen, das Werk verrichten und anschließend spurlos verschwinden würde. Das Licht des kräftigen Vollmonds, den er normalerweise mied, ließ ihn jeden Stein, jedes Blatt erkennen. Auf diesem abgelegenen, unübersichtlichen Grundstück war ihm die Helligkeit jedoch willkommen. Die beiden einzigen anderen Lebewesen hier konnten sowieso kaum noch sehen - und sich gegen ihn zur Wehr setzen schon gar nicht.

Ein mildes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er das Badezimmerfenster wie immer gekippt vorfand. Behutsam zog er das Spezialwerkzeug hervor. Nur wenige Sekunden später drückte er das Fenster langsam auf und ...
Er stockte mitten in der Bewegung, als er einen sonderbaren Geruch auffing. Einen, der ganz und gar nicht in diesen Garten und in diese Nacht passte. Bevor er einordnen konnte, was seine empfindliche Nase gekitzelt hatte, trug der laue Nachtwind den durchdringend süßen Duft des letzten Sommerflieders heran, und der kurze Moment einer unbekannten Bedrohung war vorüber. Er wandte sich wieder der Aufgabe zu, stellte sich auf die Zehenspitzen, um durch das Fenster zu schauen. Wie er angenommen hatte, war es in der Wohnung dahinter still und dunkel, doch zu seiner Verblüffung wurde er erwartet. Mitten im Raum stand der alte Terrier. Das hereinfallende Mondlicht ließ den Schleier auf den Pupillen unnatürlich bleich aufleuchten. Noch unheimlicher erschien ihm allerdings, dass der Hund ihm trotzdem direkt in die Augen zu blicken schien. Dennoch rührte er sich nicht, gab weder ein Knurren noch ein Bellen von sich, wie man es von einem guten Wachhund erwartet hätte. Ein warmes Gefühl der Zufriedenheit strömte durch die Adern des Besuchers. Er hatte es sofort gespürt, als er der alten Dame, die aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen schien, mit ihrem tauben, fast blinden Begleiter zum ersten Mal begegnet war. So freundlich, so arglos, dass sie einfach nicht mehr in diese Welt passten. Wie viel sie ausgeplaudert und über sich verraten hatte, als er vorgab, ein harmloser Paketbote zu sein, der dummerweise an der falschen Adresse gelandet war. So einsam war ihr Leben, dass sie ihn, einen völlig Unbekannten, sogar zum Kaffee eingeladen hatte. Dabei sprach sie von Zufriedenheit, stillem Glück und anderen Freuden des Alters, doch er wusste es natürlich besser. Niemand konnte alt und zugleich glücklich sein. Er war unter Greisen aufgewachsen, hatte ihr Gezänk, ihre Unzufriedenheit, ihren Verfall hautnah miterlebt. Bis die Träume kamen und ihm seine Berufung offenbarten. Bis er die Alten nach und nach erlöste, ohne dass jemand Verdacht schöpfte. Dies bewies ihm, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hatte.

Eine kaum merkliche Veränderung holte seine Aufmerksamkeit zurück in die Gegenwart. Der kleine Hund hatte den Fokus seines Blicks um eine Winzigkeit verschoben und schien nun etwas hinter ihm anzustarren. Als würde er einen hochgeschätzten Gast freudig begrüßen, setzte sich der Stummelschwanz in Bewegung. Der Besucher schüttelte mit echtem Bedauern den Kopf. Es wurde in der Tat höchste Zeit, dass sich jemand erbarmte, das Leid beendete und den beiden bedauernswerten Geschöpfen zu ihrer letzten Ruhe verhalf. War es nicht seltsam, dass auch Hunde senil werden konnten? Der Terrier schnaufte, als hätte er diesen Gedanken gehört und missbilligt. Doch das war nicht der Grund, warum sich dem nächtlichen Eindringling schlagartig die Nackenhaare sträubten. Es war vielmehr jenes Schnaufen, das wie ein Echo direkt hinter seinem Rücken erklang. Alles nur Einbildung, bleib ganz ruhig. Kein Grund, nervös zu werden. Das Knurren, das dicht an seinem rechten Ohr ertönte, belehrte ihn jedoch sofort eines Besseren. Stocksteif verharrte er vor dem offenen Fenster, während seine Gedanken wie Mäuse auf der Flucht hin und her flitzten. Ein zweiter, sehr viel größerer Hund, den er übersehen hatte? Blödsinn, rügte er sich. Es gab kein weiteres Tier auf dem Grundstück, das wäre ihm aufgefallen. Die einzige Alternative, die ihm einfiel, behagte ihm nicht, und unwahrscheinlich war sie obendrein. Es gab keine Bären in der Gegend, schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Wäre so ein Raubtier über die Landesgrenzen gekommen, gäbe es darüber massenhaft Berichte in den Medien. Und doch konnte ein solches Geräusch wohl kaum aus der Kehle eines Menschen stammen. Oder etwa doch? Nur die Andeutung, dass er den Kopf drehen wollte, löste sofort ein erneutes Knurren aus – noch näher, noch bedrohlicher. Und da war auch wieder dieser Geruch, der ihm vorher schon einmal in die Nase gestiegen war. Jetzt wusste er ihn zuzuordnen. Es roch nach Blut, Verwesung und Tod; eine Mischung, die ihm seit langem vertraut war. Wer um alles in der Welt steht da hinter mir? Oder was?
Seine Knie wurden butterweich, als ihm eine rasselnde Stimme ins Ohr flüsterte: „Du denkst also, dass du einer Bestimmung folgst, ist das so?«
Es spricht? Er konnte keinen einzigen Muskel mehr bewegen.
„Wir haben übrigens auch eine Bestimmung. Wie findest du das?« Er hörte den Spott deutlich heraus und hätte gern etwas darauf erwidert. Sein zugeschnürter Hals ließ allerdings nur ein verzweifeltes Krächzen zu.
Das grollende Lachen, das darauffolgte, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. „Meine Güte, sollte jemand, der nachts herumschleicht, um wehrlose Wesen zu töten, nicht etwas mehr Mumm in den Knochen haben?“ Als das Wesen an seinem Genick schnüffelte, konnte er ein furchtsames Quieken nicht unterdrücken. „Weißt du, wir werden von unseren Vettern gerufen, wenn sie merken, dass ihre Schützlinge in Gefahr sind. Wir sind die Hunde der Nacht und des Todes. Und Wesen wie du, die aus Vergnügen töten, stehen ganz oben auf unserer Liste.“
Das ist nicht real, eine Halluzination, nichts weiter. Und ich bin kein Feigling! Mit allem Mut, den er aufbringen konnte, fuhr er herum, doch sein Arm, mit dem er hatte zuschlagen wollen, blieb wie erstarrt in der Luft hängen. Rotglühende Augen fesselten seinen Blick, gebleckte Zähne, die wie polierte Dolche glänzten, lähmten den Verstand. „Es wird Zeit, dass du endlich von deinem Leiden erlöst wirst, meinst du nicht?“ Das Wesen, das wie ein Werwolf aus einem Horrorfilm aussah, neigte den massigen Kopf fragend zur Seite. Als er keine Antwort herausbrachte, bleckte es die Zähne. „Ich bin dir dabei gern behilflich, weißt du?“ Er wusste, dass es zwecklos war, und doch konnte er den Schrei nicht unterdrücken, als der Nachthund auf ihn zusprang.

Jack nieste. Dann sog er prüfend die Nachtluft ein, doch der Gestank des Eindringlings war verschwunden. Nicht einmal ein Hauch von Bedrohung wehte jetzt noch um sein Heim. Auf leisen Pfoten tapste er zurück ins Schlafzimmer, um sich an sein friedlich schlafendes Frauchen zu kuscheln.

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