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5. Platz:

Nathalie Martius-Weber

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Take off auf der Rolltreppe

Schreibdebüt-Wettbewerb 2019 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Eigentlich will Edvard in der Buchhandlung nur ein neues Buch kaufen, um seine Frau damit zu überraschen. Doch als er die Rolltreppe betritt, verliert er den sicheren Boden der Realität unter den Füßen und wird in eine fantastische Begebenheit hineingezogen. Ein Kampf mit der Rolltreppe, die „ruckelt“, „buckelt“ und „wie ein Rodeopferd kleine Bocksprünge vollführt“, um schließlich zu einer Wellenbewegung zu werden, beginnt. Bis Edvard beschließt, die Rolltreppe zu „surfen“...
Die Autorin Nathalie Martius-Weber vermittelt den Lesern unterhaltsam und in aktionsreichem Erzählstil die Erkenntnis, dass nur Menschen mit Fantasie es schaffen können, sich der Sogwirkung, die von Büchern ausgehen kann, zu widersetzen. Die Leser werden in die fantastischen Begebenheit ebenso unmittelbar hineingezogen wie der personale Erzähler und sie fiebern mit dem Protagonisten mit, der verzweifelt gegen die Rolltreppe kämpft. Am Ende verschwindet die Rolltreppe wieder in der Wand und die Handlung kommt wieder in der Realität aus. Der Protagonist „ordnet seine Kleidung und sein Haar und tritt zufrieden an den nächsten Büchertisch“.


Take off auf der Rolltreppe

Edvard betrat die Buchhandlung mit Vorfreude. Er lächelte bei dem Gedanken an Matildes Gesichtsausdruck, wenn er ihr heute Abend das neue Buch überreichen würde. Er liebte es, seine Frau zu überraschen.
Edvard fragte nach der richtigen Abteilung. "Belletristik 1. Etage". Die Verkäuferin zeigte auf die freistehende Rolltreppe. Edvard bedankte sich und schritt schwungvoll aus. Eine Hand auf dem warmen Gummihandlauf, schaute er sich interessiert um. Beim Hochfahren hatte man einen fantastischen Blick über die vielen Büchertische und Regale. Die Rolltreppe endete dort, wo in vergangenen Zeiten schwarzweiße Stummfilme über die riesige Leinwand geflimmert waren, untermalt von Musik eines echten Orchesters. Jetzt war das ehemalige Kino der größte Büchertempel der Stadt.
Plötzlich ruckelte die Rolltreppe und Edvard zuckte zusammen. Er klammerte sich an den Handlauf. Das Ruckeln wurde stärker und Edvard musste sich mit beiden Händen festhalten. Verwundert sah er auf die Rolltreppe. Würde sie ihren Geist aufgeben? Das Ruckeln hörte nicht auf. Jetzt begann die Treppe unter ihm zu buckeln. Edvard schrie überrascht auf und ging in die Knie, beide Hände fest um den Handlauf geklammert. Er sah sich hilfesuchend um, aber keiner schien seine missliche Lage und das sonderbare Benehmen der Rolltreppe bemerkt zu haben. Die Treppe lief nun ruhig weiter. Er richtete sich auf und schüttelte verwundert den Kopf. Kaum hatte er sich entspannt, fing die Treppe erneut an. Wie ein Rodeopferd vollführte sie kleine Bocksprünge und zwang Edvard abermals in die Knie. "Hilfe!" schrie er laut. Er versuchte, auf die Beine zu kommen, aber das Buckeln wurde immer heftiger. Wieso half keiner und drückte den Notknopf, um dieses verdammte Ding abzustellen? Zu Edvards Entsetzen löste sich die Treppe aus ihrer unteren Verankerung und flog in einer Wellenbewegung auf, als würde eine Sturmböe sie nach oben werfen. Edvard wurde unsanft hochgeschleudert und beinahe hätte er den Handlauf losgelassen. Er versuchte, besseren Halt zu finden. Da sackte die Treppe wieder ab, schlug auf, um erneut aufzuspringen und wieder in großen Bewegungen zu buckeln. Edvard wurde so durchgerüttelt, dass er alles verschwommen sah. Kaum war die Treppe wieder unten, buckelte sie schon weiter und warf sich mal nach links, mal nach rechts. Schließlich flog sie wieder hoch und Edvard hing einen Moment kopfüber in der Luft. Sein Gewicht und die Fliehkraft zerrten schmerzhaft an seinen Händen. Er würde nicht mehr lange die Kraft haben, sich festzuhalten. Plötzlich schoss ihm durch den Kopf: Surf sie!
Gebärdete sich die Treppe unter ihm nicht genau wie eine dieser Megawellen im aufgewühlten Golf von Biskaya?
Edvard packte die Handläufe mit neuer Kraft und nutzte die nächste Wellenbewegung, um auf die Füße zu springen. Er ging in eine elastische Schrittstellung mit gebeugten Knien. Das Gewicht verlagerte er auf beide Füße. Er beugte sich nach vorne, ließ den Handlauf los und streckte die Arme zum Ausbalancieren seitlich aus. Die Treppe setzte einen Moment erstaunt aus, buckelte dann mehrmals heftig hintereinander und rollte sich an den Rändern wellenartig hoch wie ein Mantarochen. Sie schien entschlossen, ihn abzuschmeißen. Aber Edvard wusste, was zu tun war. Sicher fand er in die Bewegung, reagierte auf das Buckeln und die Wellen mit kleinen Sprüngen, legte sich geschmeidig in die Kurven, verlagerte das Gewicht, balancierte mit den Armen aus. Eine unbändige Freude überkam ihn: Da war sie, die Energie, mit der man Wellen ritt! "Mich wirst Du nicht los!" schrie er siegessicher. Die Rolltreppe antwortete mit einer großen Welle, wehte hoch, schleuderte ihn in die Luft. Edvard rollte sich zusammen, machte einen Salto und landete geschmeidig auf dem sich absenkenden Rollband. Das schien die Treppe zu provozieren. Sie begann wieder zu ruckeln und Edvard, der mit dem Wechsel von fließender Bewegung zum Staccato nicht gerechnet hatte, fiel auf die Knie. Grimmig griff er nach dem Handlauf und zog sich auf die Füße zurück. Sein geübter Körper ließ sich nicht einschüchtern. Dennoch hielt er sich jetzt vorsichtshalber fest. Die Rolltreppe hörte auf zu ruckeln. Sie legte sich in ihr Bett zurück und formte wieder Treppenstufen. Edvard lauerte. Da sah er, dass er fast oben angekommen war. Er machte sich bereit, um den Schritt auf festen Boden zu tun, lockerte seinen Griff. Unerwartet buckelte die Treppe noch einmal kurz, aber heftig und er stolperte nach vorne. Gerade eben konnte er seinen Fall abfangen. Edvard drehte sich zu der Treppe um. Meckerndes Quietschen, das wie Hohngelächter klang, ertönte, als die Treppe in der Wand verschwand. Edvard musste grinsen. Er ordnete Kleidung und Haar und trat zufrieden an den nächsten Büchertisch.

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