Ricarda Linder aus Witten
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
© 2000 - 2026 Schule des Schreibens
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
5. Platz im Genre-Wettbewerb 2022 - Das geschlossene Zimmer
Die Ich-Figur, ein Mann, liest in der Zeitung, dass ein älterer Herr gestorben ist, den er bereits als Kind kannte. Er bittet eine Verwandte, die Wohnung des Verstorbenen betreten zu dürfen. Er möchte Abschied nehmen von seinem früheren Klavierlehrer. Was dann jedoch klar wird: Der Verstorbene war ein Kinderschänder und er hat den Mann, der jetzt in seiner Wohnung steht, missbraucht.
Der Mann möchte seine Vergangenheit loslassen, er will weitergehen, will die Einsamkeit, die er seit dem Missbrauch fühlt, loswerden. Doch wird das je geschehen? Wird der Tod des Täters sein Leben ins Positive wenden?
Ricarda Linders Text ist kein Krimi, hier passiert kein Mord. Und dennoch ist es ein unterschwellig spannender Text, der die Leser/innen von Anfang an misstrauisch und damit neugierig macht. Der Hauptfigur ist kalt, in der Wohnung riecht es muffig, nach Einsamkeit, der Fußboden knarrt anklagend. In einer klaren, treffenden Sprache hat die Autorin, eine sprachlich versierte Geschichte geschrieben, die ihre Leser/innen am Ende geschockt und nachdenklich zurücklässt.
Es ist Herbst und noch nicht sehr kalt. Dennoch friere ich den ganzen Tag. Ich friere auf dem Weg zu der Wohnung und als ich vor dem Eingang auf meine Verabredung warte. Ich friere, als wir durch das Treppenhaus gehen und noch mehr, als wir die... Kurzgeschichte lesen
Es ist Herbst und noch nicht sehr kalt. Dennoch friere ich den ganzen Tag. Ich friere auf dem Weg zu der Wohnung und als ich vor dem Eingang auf meine Verabredung warte. Ich friere, als wir durch das Treppenhaus gehen und noch mehr, als wir die Wohnung betreten. Anscheinend ist der Strom in der Wohnung bereits abgestellt. Die Frau fummelt an dem Sicherungskasten im Flur, um etwas Licht in die einsetzende Dämmerung zu bekommen.
„Es ist nicht schlimm“, sage ich. „Ich bleibe nicht lange und ich sehe noch genug.“ Doch dann klackt es und die kleine Deckenlampe wirft gelbes Licht auf die altbackene Einrichtung. In der Wohnung herrscht ein oberflächliches Durcheinander. Ich kann nicht ausmachen, ob er es hinterlassen hat oder ob bereits Leute hier gewesen sind, die nachsehen wollten, ob sie etwas von den Hinterlassenschaften brauchen konnten. Als ich mich ein Stück vorwärts bewege, knarrt der Fußboden mit jedem Schritt anklagend unter meinen Füßen. Ich werfe einen Blick in die Küche. Auch alles gelb und alt. Eine eingewebte Küchenuhr tickt vorwurfsvoll vor sich hin. Vorsichtig gehe ich ein Stück weiter und sehe mir das Wohnzimmer an, dass wohl gleichzeitig auch als Schlafzimmer gedient hat. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man in den Schränken und Regalen die Korrektheit und Ordnung, die man von ihm gewohnt war. Die Bücher sortiert nach Autor, die CDs sortiert nach Kategorie und Interpret. Unzählige geknüpfte Teppiche an den Wänden, offensichtlich in stundenlanger Arbeit von ihm selbst gefertigt. Aber nicht ein einziges Foto. Ich finde weder ein Foto von ihm selbst noch von Familienangehörigen oder Freunden. Die Wohnung riecht muffig und nach Einsamkeit.
Die Vergangenheit holte mich an einem Sonntagmorgen ein. Ich saß mit meiner Frau und den Kindern am Frühstückstisch bei frischen, duftenden Brötchen, Orangensaft und Gemütlichkeit und wollte nur wie immer den Sportteil lesen. Beim Durchblättern der Zeitung traf mich der Schlag. Den Rest des Tages nahm ich nur durch einen Nebel hindurch wahr. Ich schlief schlecht in der Nacht. Heute Morgen überlegte ich, was ich tun sollte. Dann telefonierte ich. Ich fragte mich durch und erreichte eine Verwandte, die sich um seinen Nachlass kümmert. Ich fragte sie, ob es möglich wäre, einen Blick in seine Wohnung zu werfen. Ich wollte nichts haben. Ich wollte nur gerne Abschied nehmen. Die mir fremde Frau zeigte sich erstaunlich mitfühlend und wir verabredeten uns für den späten Nachmittag und hier bin ich nun, unschlüssig, ob das alles so richtig ist und dennoch kann ich nicht anders.
Ich strecke die Hand aus und will das letzte noch geschlossene Zimmer öffnen. Das Zimmer, das mir so gut bekannt ist. Die Tür hakt und klemmt und weigert sich aufzugehen. Ich atme tief durch, warte einen Moment. Dann drücke ich mit Kraft, sie gibt nach. Und ich stelle fest, dass alles hinter ihr noch genau so ist, wie ich es in Erinnerung habe. So, als wäre das Zimmer für Jahrzehnte konserviert gewesen. Die Zeit stehen geblieben. Es riecht sogar genauso wie damals, eine Mischung aus Staub und alten Möbeln. Ein Schauer läuft mir den Rücken hinunter.
„Das war sein Arbeitszimmer“, ruft mir die Frau aus der Diele durch meinen dicken Wahrnehmungsnebel hindurch zu.
„Ich weiß“, murmele ich vor mich hin. „Ich weiß!“
Ich gehe an dem kleinen dünnbeinigen Holztisch vorbei, der ihm als Schreibtisch gedient hatte, zu dem schwarzen alten Klavier, das hinten an der Wand steht. Die dicke Staubschicht verrät, dass es seit Ewigkeiten nicht benutzt worden ist. Mein Gott, wie viel Zeit hatte ich hier verbracht. Hatten wir hier verbracht. Ich war noch so jung gewesen. Unwillkürlich kommen mir Erinnerungsfetzen in den Kopf. Klassische Klavierstücke, die wir geübt haben. Eine Mischung aus Beethoven, flüchtigen Blicken, Herzklopfen, kleine Berührungen, seine Stimme. Meine Hände sind feucht, als ich über den Deckel des Klaviers fahre und der Staub bleibt unweigerlich an ihnen kleben. Alles ist kleben geblieben an mir. Hat Dinge geweckt in mir. Sehnsüchte. Hatte innere Kämpfe in mir ausgelöst. Wer ich bin und wer ich sein wollte. Sein sollte. Ich hatte alles verdrängt in all den Jahren.
„Woher kannten Sie meinen Onkel denn?“, kommt wieder diese Stimme durch den Nebel zu mir herüber.
„Er war mein Lehrer“, antworte ich leise. „Und er hat mir das Klavierspielen beigebracht.“ Ja, das hatte er. Und noch andere Dinge. „Was können Sie mir über seine letzten Jahre sagen?“, frage ich, als ich aus meiner Gedankenwelt langsam wieder in die Wirklichkeit zurückkomme.
„Da gibt es nicht viel zu erzählen“, antwortet sie. „Er war sein ganzes Leben lang allein. Eigentlich kenne ich keinen anderen Menschen, der so viel alleine war wie er“, überlegt sie und setzt hinzu: „Wir müssen langsam gehen, ich habe gleich noch einen Termin.“
Sie dreht sich um und geht zurück in die Diele. Ein letztes Mal will ich sein altes Notenbuch in die Hand nehmen. Ein Zettel fällt heraus. Ein vergilbter Zeitungsartikel: „Lehrer verliert Beamtenstatus nach Verdacht auf Affäre mit minderjährigem Schüler“. Reflexartig stecke ich den Artikel in meine Jackentasche. Ich schaue mich um, sie ist am Sicherungskasten beschäftigt, sie hat nichts gesehen. Schnell stelle ich alles wieder so hin, wie es war und folge ihr aus der Wohnung heraus. Heraus aus der Vergangenheit. Ich presse die Lippen aufeinander. Ich gehe und ich blicke nicht zurück. So wie ich es damals schon einmal getan habe. Ich gehe zurück in das Leben, das ich für mich ausgewählt habe. Zu meiner Familie. Und ich bin froh, dass ich nicht einsam bin. Ich habe Fotos an den Wänden, die das bezeugen können. Von mir, meiner Familie, meinen Freunden.
Ich bin nicht einsam. Ich bin nicht so wie er. Ich umklammere den Zettel in meiner Jackentasche. Bin ich doch nicht, oder?
2. Platz im Genre-Wettbewerb 2021 - Gut oder böse?
Eine Frau sitzt viele Tage neben dem Bett ihres todkranken Mannes. Sie betrachtet das Sonnenlicht und die tanzenden Partikel, die das Zimmer staubig aussehen lassen. Ihr Mann hat nicht mehr die Kraft, aus dem Strohhalm zu trinken, direkt aus dem Glas klappt es. Er schläft ein, wacht nicht mehr auf.
Ricarda Linder hat eine Geschichte geschrieben, in der die Wendung leise und schleichend kommt, wie der Tod. Zuerst erscheint die Ich-Figur wie eine liebende Ehefrau. Aber sie ist es, die ihrem Mann die tödliche Dosis verabreicht hat. Sie hat seine unkontrollierten Wutausbrüche zu lange ertragen. Sie hat ihn getötet. Ist sie nun gut oder böse?, fragt sie sich. Eine Frage, die sich die Leser auch stellen. Doch die Frage bleibt offen. Aber eines ist sicher: Die Frau ist jetzt endlich frei.
Ein Text, der die Leser noch lange beschäftigen wird, ein spannender Text, realitätsnah und unter die Haut gehend.
Gut oder böse? Ich komme mir vor, als wäre ich mitten in einem alten, verblichenen braungelbgrauen Foto gefangen. Keine Ahnung, wie viele Tage wir schon in diesem Zimmer verbracht haben und ich einfach nur warte, dass es zu Ende ist. Das Sonnenlicht... Kurzgeschichte lesen
Gut oder böse? Ich komme mir vor, als wäre ich mitten in einem alten, verblichenen braungelbgrauen Foto gefangen. Keine Ahnung, wie viele Tage wir schon in diesem Zimmer verbracht haben und ich einfach nur warte, dass es zu Ende ist. Das Sonnenlicht scheint gelblich durch die halb geschlossenen Gardinen auf das weiß bezogene Bett. Winzige Staubpartikel tanzen in der Luft, glitzern im Schein der Sonne vor sich hin und scheinen viel größer zu sein als sie wirklich sind. Sie kommen mir wie Schneeflocken vor, nur ohne Kälte. Das ganze Zimmer sieht staubig aus. Es riecht nach Medikamenten. Es riecht ein bisschen wie ein altes, sepiafarbenes Foto, nach Vergangenheit und Chemie.
Ich habe mir einen Stuhl ans Bett geholt und sitze ganz nah bei ihm. Er liegt einfach nur da, wirkt völlig kraftlos und atmet schwer. Angestrengt hebt er die Hand und deutet auf den Nachttisch, auf dem das Glas steht. Ich nehme es und stecke ihm vorsichtig den Strohhalm in den Mund. Es klappt nicht, er kann nicht mehr saugen. Ich halte ihm das Glas an die trockenen Lippen und gebe ihm so ein Schlückchen zu trinken. Danach schließt er den Mund und die Augen, wendet sich etwas zur Seite und schläft ein. Mir tut der Kopf weh, ich frage mich, wie lange es noch dauern wird. Aber mein schmerzendes Hirn ist nicht in der Lage, mir zu antworten. Ich beuge mich nach vorn und lege meinen Oberkörper auf das Bett. Der Schlaf übermannt mich.
Ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen habe. Alles scheint ohne Raum und Zeit zu sein. Als ich aufwache, ist die Sonne weg. Irgendetwas ist anders als vorher. Es ist zu ruhig. Es ist nichts zu hören... nichts. Was bedeutet das? Ich wische mir über das Gesicht. Dann halte ich mein Ohr ganz dicht an sein Gesicht. Er atmet nicht mehr. Er atmet nicht mehr. Es ist vorbei. Er atmet nicht mehr. Es ist vorbei. Wieder und wieder drehen sich diese beiden Sätze in meinem Kopf im Kreis. Ich sehe ihn an. Jetzt sieht er so harmlos aus. Eine leere Hülle. Mit zittrigen Händen schaffe ich es, die Nummer des Notarztes zu wählen und sage, dass ich denke, dass mein Mann soeben gestorben ist. Kurze Zeit später ist er da. Mir ist warm. Der Schweiß fängt an meiner Stirn hinabzulaufen, rinnt über meine Lippen, schmeckt salzig. Mein Kopf wummert, mir ist schwindelig. Der Arzt geht ins Schlafzimmer. Er leuchtet mit einer Taschenlampe in die leeren Augen meines Mannes und wirft ein Blick in die lange Krankenakte: „57 Jahre, chronisch obstruktive Bronchitis und schwere Herzprobleme. Na, Sie haben es nicht leicht gehabt in der letzten Zeit, was?” “Nein!”, sage ich und in mir klettert der Gedanke hoch, dass ich es noch nie leicht mit ihm gehabt hatte. Mit seinen unkontrollierten Wutausbrüchen. Es gab eine Zeit, in der er noch nicht krank war, in der er noch kräftig war und in der ich und die Kinder die Wut oft genug zu spüren bekamen. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, ich weiß gar nicht, wie ich aussehe gerade. Sehe ich fertig aus? Ich kann es nicht sagen. Der Arzt riecht wie eine Mischung aus Desinfektion und Männerparfüm, es brennt mir in der Nase. So sehr, dass es anfängt weh zu tun. Er soll sich beeilen, ich will mich hinlegen. Der Arzt füllt einen Bogen aus und macht ein Kreuz bei “eines natürlichen Todes gestorben”. Später kommt jemand vom Bestattungsinstitut und regelt alles weitere. Ich fühle mich leer und ausgebrannt. Ich bin jetzt allein. Leise lege ich mich auf das weiße leere Bett in dem staubigen, sepiafarbenen Zimmer und schlafe ein.
Am nächsten Morgen erwache ich mit immer noch brummendem Schädel. Es wird einiges zu tun sein in der nächsten Zeit. Aber ich werde das schon hinbekommen. Es wird leichter sein als früher. Ich werde freier sein als vorher. Ich nehme das Glas vom Nachttisch mit in die Küche, fülle etwas Wasser und Spüli hinein und putze es. Nachdenklich und sehr gründlich. Dann setze ich mich an den Frühstückstisch. Essen kann ich nicht. Kaffee geht. Mit der Tasse in der Hand schlage die Zeitung auf. Nicht die von heute. Die alte Zeitung. Die mit dem Artikel. Ein Satz, den meine Mutter früher immer gesagt hat, kommt aus meinem Unterbewusstsein wieder nach oben gekrochen und bohrt sich in mein pochendes Hirn: „Niemand ist einfach nur gut und niemand ist einfach nur böse!” Bin ich mehr böse als gut? Ich hatte mich immer für einen guten Menschen gehalten. War er mehr böse als gut? Mein Finger kreist um die Artikelüberschrift: „Jeder zweite Mord in Deutschland bleibt unerkannt.” Suizide, Unfälle, Tötungsdelikte, die Ärzte erkennen es zu oft nicht. Ja, so scheint es zu sein. Es ist erstaunlich. Ich lege die Zeitung zur Seite, nehme einen Schluck Kaffee und denke weiter über den Satz nach: „Niemand ist einfach nur gut und niemand ist einfach nur böse.” Ich weiß nicht, was ich bin. Aber eines weiß ich genau. Ich bin jetzt frei!
Reto Burn aus Olten
Mein erstes Buch ist mehr als eine Sammlung von Worten, es ist ein Stück meiner Reise
Felix Terborg aus Kaufungen
Ich erfinde neue Welten in Science Fiction-Romanen
Kira Stern aus Karlsruhe
Welch ein großartiges Gefühl, meinen ersten Liebesroman in den Händen zu halten!
Petra P. Hasler aus Übelbach
Von den Tipps und Anregungen meiner Studienleiterinnen profitiere ich bis heute
Imke Stock
Unvergessen
3. Platz, Genre-Wettbewerb 2026 Runde 1.
Claudia Esser
Casablanca
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2026 Runde 1.
Franziska Jahn
Ein angemessener Preis
3. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 2.
Eva Brand
Des Romans bestes Stück
1. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2026 Runde 1.
Helene Spaeth
Maksym
5. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Marina Schober
Die Leiden des alten Herrschers
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Andreas Chariskos
Ein Lord und eine Lady
1. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Damaris Leska-Zapf
Vergiss mein nicht
3. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 2.